Immer wieder sterben in Goethes Werken Kinder. Mit ihnen zerbricht, was das moderne Subjekt an Sinn und Selbstgewissheit aufzubieten hat. Der Vortrag nimmt diesen bislang nur sporadisch beachteten Zusammenhang in den Blick und legt dar, dass der Kindstod für Goethe jenen Punkt markiert, an dem religiöse Tröstung, vernünftige Erklärung und ästhetische Formgebung gleichermaßen versagen. Auch die zeittypische Rationalisierung, der Tod sei ein „Kunstgriff“ der Natur, um „viel Leben zu haben“ (so im Fragment „Die Natur“ von 1783), stößt hier an ihre Grenze. Was in der werkgeschichtlichen, teils auch biografischen Betrachtung hervortritt, ist ein Autor, der die Abgründe der Säkularisierung literarisch auslotet, lange bevor die Philosophie dafür den Namen Nihilismus findet.
Kai Sina ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Komparatistik an der Universität Münster. Studium in Kiel, Promotion und Habilitation in Göttingen, Forschungsaufenthalte in Chicago und Princeton. Verleihung einer Lichtenberg-Professur der VolkswagenStiftung im Jahr 2020. Zu Goethe sind von ihm u. a. erschienen: „Goethes Spätwerk / On Late Goethe“ (2020, hg. mit David E. Wellbery) sowie „Goethe in America. Eine transatlantische Faszinationsgeschichte“ (2025, hg. mit David E. Wellbery und Marcel Lepper).